Sondernöte.

Die Inflation. Schon im Jahre 1922 machte sich die in ihrem Ausmaß von niemand erwartete Geldentwertung und Verteuerung der Lebenshaltung bemerkbar. Immer weitere Kreise des Volkes brachte die sogenannte Inflation in große Not. Reich, Staat, Gemeinden sahen sich plötzlich vor neue, die Finanzen aufs schwerste belastende Aufgaben gestellt.

Zur Anpassung an die Geldentwertung faßte daher am 20. September 1922 der Vohwinkeler Stadtrat den Beschluß, sämtliche Steuern, Gebühren und Beiträge zu erhöhen. Zu derselben Zeit wurde zum ersten Mal aus demselben Grunde die Aufstellung eines Zwischenhaushaltsplanes notwendig. Der Betrieb der Sparkasse ging noch in ruhiger Weise vor sich. Ein richtiges Sparen aber hörte bald auf. Die Gelber wurden nur kurzfristig angelegt, bei Bedarf ohne Kündigung zurückgenommen. Auch die Sparkasse selbst machte seit Ende des Jahres von ihrem Recht der Kündigung kaum noch Gebrauch. Die Hypothekengeschäfte gingen von der Jahresmitte ab vollständig ein. — Dann begann das furchtbare Jahr der Inflation 1923. Es wurde der hiesigen Sparkasse wie fast allen deutschen Sparkassen zum Verhängnis. Die Währungsverhältnisse am Anfang des Jahres ließen nicht ahnen, daß an seinem Schluß eine derartige Entwertung der Mark eintreten würde, daß alle Kapitalien und Reserven verloren waren.

Ueber die Auswirkung der Inflation im täglichen Leben hat Vohwinkel ebenfalls Belege. Am 10. August 1923 begann die Stadt, den gewordenen Gebrauch nun auch ihrerseits nachahmend, „Notgeld“ auszugeben. Die erste Serie, gezeichnet i. V. von dem Beigeordneten Sauter, umfaßte Scheine von 100000 Mk. bis 10000000 Mk. Als Schmuck war das Rathaus abgebildet, die Schwebebahn mit dem Reim: Hoch über allem Erdenwahn erhebt sich uns're Schwebebahn, Die Farben der Scheine wechselten. Neue Serien erschienen am 20. September, 15., 30. Oktober und 15., 22., 30. November 1923, die i. V. der Beigeordnete Muthmann gezeichnet hatte und die bis 5 Billionen Mk. aufstiegen. Diese Muthmann'schen Scheine zitierten Verse aus „Faust“ und den „Xenien“ , brachten Originalbilder wie „Der Finanzen Totentanz“ von Besenthal und vermerkten die Lebensmittelpreise jener Tage. Es seien hier die Preise des letzten der Scheine angeführt nebst den Preisen des Juli 1914 in Klammern: ein Liter Wasser (2/100 Pfg) 250 Mill., ein Pfd. Salz (10 Pfg.) 100 Milld., ein Pfd. Zucker (22 Pfg.) 650 Milld., ein Liter Milch (20 Pfg.) 560 Milld., ein Pfd. Kartoffeln (3 Pfg.) 85 Milld., ein Hering (10 Pfg) 130 Milld., ein Pfd. Brot (15 Pfg.) 400 Milld., ein Pfd. Schweineschmalz (60 Pfg.) 2,6 Bill., ein Ei (8 Pfg.) 700 Milld., ein Herrenanzug (75 Mk) 200 Bill, ein Paar Schuhsohlen (3,50 Mk.) 10 Bill., ein Sarg (80 Mk.) 90 Bill. Am 30. November 1923 kostete 1 Dollar 4210500 Millionen, oder 1 Goldmark 1002500 Mk.

Die Inflation hatte, wenn man so sagen darf, auch eine gute Seite. Sie brachte z. B. bei der sicherlich jedermann anhaftenden Position „Schulden“ einen unerwarteten Vorteil, den selbstredend auch die Stadt Vohwinkel wahrnahm. Infolge der eingetretenen Geldentwertung stieß auch sie sämtliche festen Schuldbeträge ab.

Mit dem 19. November 1923 bekam die Mark ihre Stabilität. Das ganze Jahr 1924 wurde von der glücklich durchgeführten Stabilisierung unserer Währung beherrscht.

War das Geld auch knapp, es war aber wieder fest. Die Folge dieser Knappheit war eine allgemeine Kreditnot, die sich in allen Kreisen, bei den Geldinstituten sowohl als in Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft einstellte. Soweit es der städtischen Sparkasse im Umfang ihrer noch geringen Mittel möglich war, hat sie die Wirtschaft nach Kräften unterstützt. Ein Hauptproblem für die Sparkasse wurde die Aufwertung der alten Spareinlagen (etwa 14000 an Zahl), zugleich ein Hemmnis für die Heranziehung neuer Einlagen; es konnte und durfte nur im Zusammenhang der allgemeinen Volkswirtschaft gelöst werden. — Die Geldflüssigkeit des Jahres 1926 brachte endlich die wirtschaftliche Gesundung, den Aufstieg der deutschen Wirtschaft.

Die Franzosenzeit Vohwinkels. Der Vertrag von Versailles hatte dem zu besetzenden Gebiet auch um Köln herum die Grenzen gezogen. Vohwinkel lag außerhalb desselben, aber in der neutralen Zone. Im Jahre 1919 zogen sowohl auf der Kluse als auch an der Wirtschaft Krieckhaus-Oberhaan die englischen Grenzposten aus und richteten sich zum Bleiben ein. Das war anfangs unangenehm. Weil die Gewohnheit hinzukam und weil jedermann wußte, daß die englische Besatzung nur eine bestimmte Zeit hindurch ertragen werden mußte, verlor sich langsam das Schreckhafte, zumal auch die Engländer allmählich weniger streng wurden.

So gingen die Jahre hin. Der „Friede“ behagte unserm Erzfeind nicht, er sann auf neue Bedrückung, auf grausamere Quälereien. Der Ruhrkampf hob an. Im Laufe desselben wurde auch Vohwinkel hineingezogen.

Am 2. Februar 1923 erfolgte die Besetzung Vohwinkels durch die französischen Truppen. Es kamen zuerst 3 Reiter an, dann von Mettmann her 13 Lastwagen, Feldküchen und Bagagewagen und 2 Personenautos mit 6 Offizieren. Eine Infanteriekolonne marschierte von Haan heran. Quartiermacher, etwa 40 Mann, machten sich auf dem Kaiserplatz und in der Bahnstraße breit. Die Offiziere verhandelten auf dem Rathaus mit der Stadtbehörde. Die Vohwinkeler Bürger schlossen beim Einmarsch der Franzosen die Läden und Wirtschaften, auch die Jugend hielt sich im ganzen zurück.

Den Einspruch des Landrats und seinen Hinweis auf die neutrale Zone wies der französische kommandierende General ab, der englische Vertreter in der Interallierten Rheinlandskommission versagte. Bald ergänzte sich die fremde Besatzungstruppe auf 15 Offiziere, 325 Mann Infanterie vom I.-R. 171 und 75 Reiter, wozu 10 Eisenbahntechniker kamen. Den Soldaten wurden zunächst in Sälen Quartiere bereitet. Die Offiziere und ein Teil der Unteroffiziere mußten in Bürgerhäuser gelegt werden.

Weil die Franzosen nicht weiter ins Wuppertal rückten, strömte die Masse der Neugierigen aus Barmen, Elberfeld und Umgegend an den Sonntagen herbei, die fremden Eindringlinge zu bestaunen.

Solch unwürdiges und undeutsches Verhalten gab auch manchem Vohwinkeler Anlaß nachzueifern, jetzt und später. Die Schandtaten und die Schänder deutscher Ehre werden hier nicht erwähnt, damit sie desto schneller der Vergessenheit anheimfallen.

Als den Franzosen die Belieferung mit Lebensmitteln versagt wurde, schritten sie zu Requisitionen. Wie im Kriege gedachten sie auch jetzt, den Widerstand durch Aushungern zu brechen. Insbesondere Mehl, Fette und Kohlen beschlagnahmten sie. Das eingeführte Gemüse warfen sie zwischen die Schienen, oder es wurden die mit ihm beladenen Wagen und Autos auf den Rathausplatz gefahren und stehen gelassen, bis das Gemüse verfaulte. Brotmehl war nicht vorrätig, konnte infolge der Bahnsperre auch nicht herangeschafft werden. Als es möglich war, wurde Roggenmehl eingeführt, damit es die an Weizenbrot gewöhnten Franzosen nicht abermals fortnahmen. An 2000 Litern Milch fehlten von vorneherein 750 Liter. Mengen der nicht abgerollten Kartoffeln verdarben. Als ein Waggon Lebensmittel aus der Quäkerspeisung für die hungernden Kinder, die stillenden Mütter, die Kranken, die Alten eintraf, galt es einen lebhaften Kampf gegen die Franzosen, die den Waggon, trotzdem er amerikanisches Eigentum war, an sich nehmen wollten. Mit der Fleischversorgung sah es nicht minder trübe aus. Wenigstens Gefrierfleisch sollte geliefert werden. Dem aber stellte sich wiederum die Verkehrssperre entgegen. Infolge aller dieser Zustände mußten schon Anfang März die Lebensmittel-Kartenabgabe und Lebensmittel-Kontrolle eingerichtet werden. Das war jedoch erst der Anfang der künftigen sich steigernden Leiden.

In derselben Zeit richteten die Franzosen auf dem hiesigen Bahnhof eine Kontrolle der Güterzüge ein, den Inhalt der Wagen festzustellen. Scheinbar vermuteten sie, daß noch Kohlen aus dem Ruhrrevier hier durchkämen, obwohl der Bahnhof Kupferdreh längst besetzt war. In der Tat jedoch galt die Besetzung des Eisenbahnknotenpunktes Vohwinkel der Absperrung der Rheinlande vom Reich, — sie wollten aufs schnellste den starken deutschen Widerstand brechen.

Darauf eröffneten die Franzosen den Kampf. Am 5. Februar verhängte die Besatzungsbehörde den Belagerungszustand über die Stadt. Das erste Opfer war Bürgermeister Dr. Landwehr. Weil er der Besatzungstruppe das Uebermaß der Forderungen nicht erfüllen wollte noch konnte, wurde er am 12. Februar früh verhaftet und fortgebracht, dann in der Varresbeck ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen. Die gesamte Bürger- und Beamtenschaft, die Arbeiter und Privatleute aller Parteien erhoben scharfen Protest gegen die fremde Willkür. Vergebens hier wie an den anderen besetzten Orten. Doch vermochte der Bürgermeister unentmutigt von Sonnborn-Elberfeld aus die hiesige Verwaltung zu leiten.

Die Besatzung Vohwinkels wurde durch 300 Mann verstärkt, so daß nun etwa 800 Franzosen vom neu eingerückten I.-R. 21 hier lagen mitsamt dem Stab des Regiments.

Von Tag zu Tag steigerten sich die Anforderungen der feindlichen Macht, verschärfte sich die Lage.

Die Bürgerquartiere wurden erzwungen, indem Mannschaften mit aufgepflanzten Bajonetten den Quatiernehmer begleiteten und solange an der Haustüre warteten, bis er sich untergebracht hatte. Unter Androhung schroffster Maßnahmen gegen die Stadt und ihre Verwaltung wurde erreicht, daß die beschlagnahmten Quartiere, allmählich waren es 88 Wohnungen mit 273 Räumen und außerdem 92 Privatzimmer, durch Lieferung von Einzelstücken und sogar ganzer Einrichtungen auf Grund eines umfangreichen Reglements neu ausgerüstet wurden, oft mehrmals, wenn die Bewohner wechselten. Was die betroffenen Bürgerfamilien seitens der französischen Quartierherren auszustehen hatten, wäre eine lange Darstellung für sich.

Die Allgemeinheit wurde auf mannigfache andere Art gepeinigt.

Es wurden alle Transporte auf den Bahnen, auf den Straßen angehalten, sogar das Vieh, das vom Elberfelder Markt hereinkam, wurde fortgenommen.

Seit 14. Februar erhob sich eine Zollsperre in Vohwinkel. Während auf den sonstigen Kontrollstellen im Osten des Einbruchsgebiets eine Zollzahlung bisher noch nicht verlangt war, beanspruchten die Franzosen in Vohwinkel 10 Prozent des Wertes der Waren als Zoll. Gleichzeitig begann eine Personengrenzsperre. Die Sperren gegen das unbesetzte Gebiet befanden sich auf dem Bahnhof in Wieden, an der Brucherstraße, danach an der Schwebebahnhaltestelle Hammerstein. Diese Einrichtung hatte zur Folge, daß neben der Truppe zahlreiche Beamte des Zolls, der Gendarmerie, der Polizei und der Eisenbahn untergebracht werden mußten. Es erschienen die Personalausweise. Die Kontrolle wurde auf das Reisegepäck der vom besetzten ins unbesetzte Gebiet fahrenden Reisenden ausgedehnt. Alle im Gepäck vorgefundenen Lebensmittel, besonders noch Tabakwaren und Gebrauchsgegenstände, wurden eine willkommene Beute der Franzmänner. Sehr viele Handtaschen, Lederkoffer und andere Gepäckstücke blieben ebenfalls in ihren Händen. — Zu gewissen Zeiten wurde die Paßkontrolle verschärft. Wer einen Ausweis nicht vorzeigen konnte, wurde abgeführt. Er war froh, wenn er mit einer Geldstrafe entlassen wurde und dadurch dem Gefängnis entgangen war. Aehnliche Strafen erhielten die Reisenden, die in den Wagen ihre Zunge nicht im Zaum hielten, sondern sich z. B. durch geschmuggelter Waren rühmten. Allenthalben saßen, standen und fuhren die französischen Spitzel.

Dem Schmuggel suchte die Besatzung durch die Grabensperre zu begegnen. Quer über die Chausseen, Landstraßen und Seitenwege wurden breite und tiefe Gräben gezogen, so im Lüntenbecker Busch, in Nathrath vor den Homannwerken, an der Roonstraße nach dem evangelischen Friedhof zu, auf der Roßkamper Höhe u. s. w.

Die Gräben bildeten eine große Gefahr für den Straßenverkehr, namentlich weil sie unbewacht und nachts ohne Beleuchtung waren. — Sofern Personen des Schmuggelns verdächtig waren, wurden sie ganz gleich wo einer Leibesuntersuchung unterzogen. Oft sah man sogar in der Schwebebahn die entkleideten Personen, die die versteckten Stahlwaren, wie Rasiermesser, Scheren hergeben, dann selbst aussteigen mußten, um noch dazu bestraft zu werden.

Etwa Mai d. Js. führten die Franzosen die Stempelung der Personalausweise ein. Hiermit setzte eine Schikanierung der Bevölkerung diesseits und jenseits der Grenze des besetzten Gebietes ein, die sobald nicht ihresgleichen hat. Wer vom Reich herkam und den Paßstempel nicht vorwies, mußte umkehren. Die Abstempelungsstelle befand sich in Vohwinkel in der Berufsschule, Kaiserstraße, an sich schon eine Schwierigkeit für die, die draußen wohnten. In langer Schlangenlinie mußten sie sich aufstellen. Posten ließen von Zeit zu Zeit nur einzelne ins Büro. Dort wurden die Beamten ohne weiteres fortgewiesen, sie erhielten den Stempel nicht, weil die deutschen Beamten den Franzosen nicht entgegengekommen wären. Erst viel später änderte sich das. Hausfrauen, gewissen Kaufleuten, Aerzten, Kranken, wurden ebenfalls der Stempel verweigert, da sie ja im besetzten Gebiet, was sie benötigten, auffinden konnten. Die da glaubten, einen Stempel erreichen zu können, traten schon nachts 4 Uhr an. Wenn etwa 7 1/2 Uhr früh das Büro geöffnet werden sollte, sahen sie sich oft genug genarrt, denn es erschien eine Ankündigung, daß heute die Abstempelung erst um 1 1/2 Uhr nachmittags beginne, oder es wurde angesagt, daß an diesem Tag überhaupt nicht gestempelt würde. Allmählich trat auch auf diesem Gebiet Geschäft und Korruption ein. Es bildete sich die Sippe der Ersatzsteher. Durch Bestechung wurde der Stempel hintenherum erlangt und gegen teueres Geld weitergegeben. Kluge Leute ließen sich in der englisch besetzten Zone als Uebergesiedelte eintragen. Wehe, wenn die Franzosen den Nachweis bei ihnen vorfanden, daß sie trotzdem in ihren alten Grenzen wohnten. Sie wurden abtransportiert, eingesperrt, verprügelt, ins Gefängnis geworfen und endlich nach Zahlung einer größeren Geldsumme freigelassen. Die Beschaffung eines anderen Passes galt als eine schwere Beleidigung der französischen Nation.

Endlich, seit 28. August d. Js., wurden auf den hiesigen Bahnsteigen Stacheldrahtverhaue gezogen, die abfahrenden Reisenden in sie wie Vieh hineingepfercht, bewacht von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, und dann einzeln nach scharfer Kontrolle des Ausweises an den Wagen gelassen. Wahrlich, tiefer kann eine immer noch starke und freie Großmacht von dem „Sieger“ während des „Friedenszustandes“ nicht gedemütigt werden.

All das war noch immer nicht genug. Das Volk mußte seiner führenden Männer beraubt werden, um seinen Widerstand desto eher aufzugeben.

Der nach der Ausweisung des Bürgermeisters die Stadtgeschäfte leitete, der ebenfalls sich ganz deutsch bewährende erste Beigeordnete Sauter, wurde zunächst mit einer hohen Geldbuße belegt, dann zu Gefängnisstrafen verurteilt, endlich am 30. August ausgewiesen. Seinem Nachfolger, dem Beigeordneten Fabrikbesitzer Muthmann, wurde wenigstens die Ausweisung erspart. — Schon am 17. Mai war der hier amtierende Landrat zur Nieden verhaftet und bis zum 17. Juli als Geisel im Zuchthaus zu Werden gefangengehalten, während seine Familie abgeschoben wurde. — Zu den Ausgewiesenen gehörten weiter sämtliche Beamte der staatlichen Polizei und solche Privatpersonen, die offen oder geheim im vaterländischen Sinne gegen die Eindringlinge gewirkt hatten. Selbst die Aerzte ließ man nicht in Ruhe arbeiten. Derartige Maßregeln, ergänzt durch die zunehmende Entartung auf beiden Seiten, sollten denn auch das Ende des Widerstandes herbeiführen.

Nicht viel half es, wenn sich gelegentlich der „Ruhrhilfe“ auch bei uns eine Notgemeinschaft gebildet hatte. Obwohl die Eisenbahner fürchten mußten, von Amt und Haus gejagt zu werden, verschoben sie unentwegt die voll geladenen Eisenbahnwaggons nach Elberfeld, bis das Gütergleise aufgerissen und Scharfschützen dort postiert wurden.

Langsam breitete sich die Entsittlichung aus. Die französischen Soldaten und Beamten waren immer mehr der Bestechlichkeit zugänglich. Das steigerte die Gewinnsucht vieler Deutscher. Der Wucher machte sich breit. Andere Deutsche übten Verrat gegen Bezahlung oder verrichteten Spitzeldienste. Die Kommunisten bedienten sich der französischen Kriminalpolizei und Soldaten, ihre deutscherseits mit Recht verhafteten Genossen zu befreien. Deutsche Frauen, deutsche Jugend hielten es mit ihrer persönlichen Würde vereinbar, sich den französischen Männern, dem französischen Einfluß hinzugeben. Deutsche Kaufleute diesseits und jenseits der Grenze traten offen oder heimlich in Geschäftsverbindungen mit den Fremden. Willkürlich sperrten die Franzosen unser Gebiet zweimal, vom 16.-26. Juli und vom 9. August bis 15. September d. J, vollständig vom Reichsgebiet ab für Personen und Waren. Im August d. Js. beraubten sie die hiesige Stadt- und Sparkasse um namhafte Geldbeträge. Die Bevölkerung stahl das Holz in den Wäldern, weil der Kohlenmangel sie immer härter traf, .....

Am 23. September 1923 war dann auch der Ruhrkampf ausgekämpft. Der deutsche Widerstand wurde allgemein aufgegeben.

Vorerst änderte sich nicht viel. In Vohwinkel zog eine andere französische Truppe ein, als Dauerbesatzung, ein Bataillon des I.-R. 23. Unter Rückgabe der meisten bisherigen Quartiere belegte die Truppe als Kasernements die neue Realschule, die Rottscheidterschule, die Schule Tesche, die Hilfsschule, das evangelische Vereinshaus als Lazarett, das Versammlungshaus in der Grabenstraße als Kantine, den Brüwer'schen Saal als Soldatenheim, ein Privathaus in Hammerstein als Offizierkasino und das Lokal Kimmel in Wieden für die Zollstation. Elf in den Schulgebäuden untergebrachte Familien, darunter die beiden Schulleiter, mußten ihre Wohnungen räumen, der Schulunterricht irgendwie in die noch übrigen Schulhäuser und Schulräume gelegt werden. Weitere Forderungen nach besserer Herrichtung von Wohngelegenheiten für die Offiziere, nach Erbauung von Pferdeställen wurden gestellt und erfüllt. Kulturfähiges Gartenland wurde im Interesse der französischen Familien den Kleingartenpächtern abgenommen, Milchkühe und Hühner ihnen geliefert, die Jagdausübung den Offizieren gestattet, das Fischen in den Teichen des Stadtbezirks nicht gehindert. Neue Eingriffe, diesmal in die Kreiskommunalkasse, mußten geduldet werden, am 22. März und 1. September 1924, wobei 2711 bezw. 500,46 Goldmark verloren gingen. Die Rechnungslegung des Besatzungsamtes wurde auf Anordnung des Kommandierenden Generals der Rheinarmee unter französische Kontrolle gestellt. Unter den fortgesetzten Zoll- und Paßerschwernissen litten gleichmäßig Stadtverwaltung, Wirtschaftsleben und Bevölkerung.

Der Schaden nahm ständig zu. Vom Beginn bis zum Ende der Besatzung belief sich die Gesamtzahl der beim Besatzungsamt Vohwinkel gestellten Schadenersatzanträge auf 1402 des ordentlichen Feststellungsverfahrens, 8 Personenschadensanträge, darunter 2 wegen Tötung und 1 wegen Vergewaltigung, und 115 Anträge des Sonderverfahrens außerhalb des Okkupationsleistungsgesetzes, Zollmaßnahmen u. a.

Die zurückgekehrten Führer (Beigeordneter Sauter am 25. September, Bürgermeister Dr. Landwehr am 19. November, der Landrat Ende Dezember 1923) arbeiteten wieder, blieben aber ohne jeden Einfluß und Beachtung. Daher konnte es kommen, daß, wenn sie sich besonders bemerkbar machten, sie wieder ihres Amtes enthoben wurden, wie der Bürgermeister vom 11. Februar bis 16. April 1924.

Erst der Monat September 1924 brachte die Wirkung des Londoner Abkommens. In der Nacht vom 8. zum 9. September wurden die Zollsperren bei Hammerstein und auf dem Bahnhof aufgehoben, der Ein- und Austritt für Personen freigegeben. Die französischen Zollbeamten und Gendarme verließen allmählich die Stadt.

Und dann kam der Freudentag auch für Vohwinkel: Am 22. Oktbr. 1924 zog die ganze Besatzung ab. Wir waren — frei! Die schlimmste Not war vorbei!

Aber wie sah es in den geräumten Sälen, Wohnungen, Schulen aus? Im besten Zustand, ja nagelneu sind sie gewesen als sie beschlagnahmt wurden. Wie Sauställe sind sie uns zurückgegeben! Und wie sah es in den Seelen der Menschen aus? Furcht und Freude beherrschten sie. Furcht vor der jetzt einsetzenden Vergeltung bei denen, die es mit dem Feind gehalten hatten, — reine Freude bei den übrigen, deren Leiden, Schikanen, Gewalttätigkeiten, Mißhandlungen, Bedrückungen, Kränkungen beendet waren, — und dazu der Wille, für ein geeintes, starkes deutsches Reich einzutreten, für ein zur Macht zu bringendes Deutschland, damit eine derartige Schmach wie die Ruhrbesetzung nie wieder möglich würde.

Die Arbeitslosigkeit. Das Jahr 1921, in dem Vohwinkel zur Stadtgemeinde erhoben wurde, war ein wirtschaftlich nicht ungünstiges Jahr. Es bestand eine rege Nachfrage nach Arbeitskräften, so daß fast alle Arbeit Suchenden untergebracht wurden. Infolgedessen war auch die Erwerbslosenfürsorge wenig in Anspruch genommen. Am Schluß des Jahres waren nahezu alle Erwerbslosen untergebracht.

Aber die ungeheueren Lasten der Besatzung im Jahre 1923 hatten wie überall im besetzten Gebiet, so auch in Vohwinkel eine neue große Erwerbslosigkeit zur Folge. Es gelang dem Arbeitsamt nicht, genügend Arbeitsstellen zu finden. Daher trat die Erwerbslosenfürsorge insofern ein, als sie die Erwerbslosen produktiv durch die Bauverwaltung beschäftigen ließ mit sogenannten Notstandsarbeiten. Eine Besserung ergab sich, als der passive Widerstand aufgegeben war. Doch gingen im Jahre 1924 die Zahlen der Arbeitslosen infolge der Geldmittelnot in der Privatwirtschaft hinauf und hinunter.

Derselbe Grund brachte im nächsten Jahre eine solche Verschlimmerung der Wirtschaft in verschiedenen Betrieben, daß die Lage gegen Ende des Jahres geradezu katastrophal erschien. Die Arbeitslosigkeit nahm von Woche zu Woche zu. Im November stieg die Zahl der Erwerbslosen rapid. Abermals mußten Notstandsarbeiten eingerichtet werden (Ehrenhain, Sportplatz im Osterholz).

Die Wirtschaftskrisis hielt auch 1926 an. Es erfolgten zahlreiche Entlassungen, namentlich in der Eisenindustrie, während die Textilindustrie verhältnismäßig gut beschäftigt war. Die Versorgung und Unterbringung der Dauererwerbslosen entwickelte sich nun zu dem schwerwiegendsten Problem der Gemeindewirtschaft. Trotz ihrer geschwächten Steuerkraft waren die Gemeinden gezwungen, stetig wachsende Aufwendungen für die allgemeine Fürsorge, insbesondere für die Erwerbslosenfürsorge, zu machen. Die Winterhilfsmaßnahmen kamen noch extra hinzu.

Durch Gesetz vom 19. November 1926 wurde die Krisenfürsorge eingeführt. Uebernommen wurden solche Erwerbslosen, die 52 Wochen — die gesetzliche Höchstdauer — hindurch Erwerbslosenunterstützung bezogen hatten und diese Unterstützung deshalb nicht mehr erhalten konnten.

Mit der Anordnung vom 20. Februar 1926 lebte die Kurzarbeiterfürsorge wieder auf. Diese Anordnung, die jetzt bis 31. März verlängert war, wurde von wenigen Firmen in Anspruch genommen.

Die starke Arbeitslosigkeit führte zu besonderen Maßnahmen für die erwerbslosen Jugendlichen. Um die beschäftigungsfreien Zeiten zu ihrer Bildung und Erziehung gründlich auszunutzen, wurden Fortbildungskurse eingerichtet. Im Jahre 1926 liefen zwei Kurse. Der erste Kursus wurde von 63 Knaben und 40 Mädchen besucht.

Der zweite zeigte am Schluß eine ähnliche Teilnahme. In den für die Geschlechter getrennten Abteilungen erhielten die Jugendlichen neben staatsbürgerkundlichen Belehrungen Fachkunde, Fachrechnen, Fachzeichnen in den Berufen, denen sie angehörten oder sich zuzuwenden gedachten. Dieser Wissensunterricht lag in den Händen von hauptamtlichen Lehrkräften der Berufsschule. Die praktische Arbeit in der Werkstatt zerfiel für die Knaben je nach der Berufseignung in die drei Gruppen der Metallarbeiter, Holzarbeiter und Elektriker. Als Lehrkräfte wirkten hier neben Gewerbelehrern Fabrikmeister und in Holzarbeit praktisch ausgebildete Hilfsschullehrer, auf der Seite der Mädchen eine Damenschneidermeisterin und eine Gewerbelehrerin. Volksschullehrer und technische Lehrerinnen hatten die Körperpflege in Turnen, Spiel und Sport übernommen. Sämtliche Lernmittel wurden den erwerbslosen Jugendlichen kostenlos von der Stadt geliefert. Das Material für die Näharbeiten jedoch stellten die Schülerinnen ausnahmslos selbst. Die Jugendlichen folgten der Unterweisung mit sichtlichem Interesse. Ungünstig waren die Fälle, in denen der Arbeitslosigkeit eine kurze Zeit der Wiederbeschäftigung und alsdann eine solche erneuter Arbeitslosigkeit folgte. Eine planvolle Förderung war da nicht möglich. — Nebenher liefen Kurse zur Einführung in die Kleinkinder- und Säuglingspflege und abermals Näh- und Flickkurse, die der Vaterländische Frauenverein bezw. die hiesigen Fürsorgeschwestern veranstalteten. Das Jahr 1927, das, was die Arbeitslosigkeit und Erwerbslosenfürsorge angeht, von dem vorangegangenen sich ein wenig günstiger abhob, brachte etwas ganz Neues, das Reichs-Arbeitsamt, über das schon vorher gehandelt ist. Damit erhielt die Arbeitslosenfürsorge den Charakter einer Arbeitslosenversicherung. Die Arbeitslosen melden sich auf dem „Reichs-Arbeitsamt“ und werden dort betreut.


Geschichte der
Stadt Vohwinkel


Zum Geleit
Inhalt
Vorwort
Geologisches

1. Aus alten Zeiten
2. Das Gut Vohwinkel
3. Um 1800
4. Eisenbahn
5. Post
6. Sitz der Staatsbehörden
7. Bildungsanstalten.
     Volksschulen
     Höhere Schulen
     Anhang
8. Kirchliche Gemeinden
     evangelische Kirchengemeinde
     katholische Kirchengemeinde
     übrige kirchliche Gemeinden
9. Landbürgermeisterei
10. Presse
11. Verkehr
12. Kommunaler Aufstieg
13. Der I. Weltkrieg
     Der Weltkrieg
     Zeit des Umsturzes
     Nachkriegszeit
     Der Rote Putsch
14. Stadtgemeinde
     Sondernöte
     Sonderaufgaben

Vereinigung mit Elberfeld

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