Gemeindeangelegenheiten während der Nachkriegszeit.

Nach dem Stand vom 1. April 1914 betrug der Flächenraum Vohwinkels 1255 ha 50 ar 23 qm. Darin trat insofern eine Veränderung ein, als mit Wirkung vom 1. September 1919 Grundstücke von rund 31,70 ha, die bisher Eigentum der Stadt Elberfeld, der Varresbecker Terraingesellschaft und eines Elberfelder Privatmannes waren und von Elberfeld zur Schaffung von Industriegelände benutzt werden sollten, nach Elberfeld umgemeindet wurden.

Von Grundstückserwerbungen aus dem letzten Kriegsjahr sei nachgetragen der Ankauf des Grundstücks Ecke König- und Kirchstraße (Deutscher Kaiser) nebst aufstehenden Gebäulichkeiten und mit dem zugehörigen Wirtschaftsinventar am 29. März 1919. Der Deutsche Kaiser wurde im Erdgeschoß und im eisten Stock mit Büroräumen versehen und mit einem Sonderraum, in dem die Volkshochschulkurse, die Säuglingsfürsorge u. a. gehalten werden konnten. Das Gebäude bekam noch Zentralheizung und Kanalanschluß.

Von großer Bedeutung für die Zukunft wurde der am 12. Oktober 1920 getätigte Kauf von „Haus Linde“, auf Vohwinkels südlicher Höhe gelegen 8 ha 71 ar 78 qm etwa 32 Morgen groß, mit Grundbesitz, zunächst für die Pflege- und Erziehungsanstalt bestimmt, deren Umzug denn auch am 20. Februar 1921 erfolgte. Weitere Ausführungen bei der Darstellung der Wohlfahrtspflege dieses Zeitraumes.

Wenn hier hinzugefügt wird, daß Vohwinkel den landwirtschaftlichen Betrieb auf Haus Linde in eigene Hand nahm, so ist das dadurch zu erklären, daß die Gemeinde schon durch Beschluß vom 22. März 1916 ein Pferd mit Geschirr angeschafft hatte. Ende des Jahres 1919 waren 2 Pferde und Stalleinrichtung vorhanden, zu denen durch Erwerb vom Reichsverwertungsamt am 21. Mai 1919 noch 6 Lastkraftwagen hinzugekommen waren. Die Einrichtung dieses Fuhrparkes sowie die ganze Leitung des neu erstandenen Fuhramtes lag und liegt beim Bauamt. Was die Gemeinde hierzu bewogen hat, war einmal die Notwendigkeit, als während der Kriegszeit auch der Mangel an Fuhrgelegenheit eintrat und die Teuerung darin einsetzte, war sodann der Wunsch, vom Anmieten unabhängig zu werden.

So wurden in jener Zeit erst mal die Kohlen von den benachbarten Zechen mit eigenem Pferd und Wagen herangeholt, außerdem wurden Fuhrleistungen jeder Art für die Gemeinde (Müllabfuhr, Straßenreinigung, Krankentransport u. s. f.), für Fabriken und Private erledigt.

Solche u. a. Entscheidungen und Beschlüsse wurden von der umgebildeten und vergrößerten Gemeindevertretung und unter einem neuen Stadtoberhaupt getroffen und gefaßt. Eine Verordnung vom 24. Januar 1919 hatte die anderweitige Regelung des Gemeinde-Wahlrechts bestimmt, gleichzeitig wurde die Zahl der Gemeindeverordneten durch Ortsstatut von 24 auf 30 erhöht. Die „meistbegüterten“ Gemeinderatsmitglieder kamen ganz in Fortfall. Die Neuwahlen fanden am 2. März 1919 statt und ergaben für die Liste der U. S. P. 3 Sitze, der Dem. P. 1 Sitz; des Zentr. 4 Sitze, der Dt. V. P. 2, der Dt. N. P. 7, für die Soz. P. 8 und für die Beamtenvereinigung 5 Sitze 30. — Die Gemeinderatssitzungen wurden lt. Verfügung des Ministers des Innern vom 1. April 1919 öffentliche. Aus den Gemeindevertretern wurden zum ebenfalls neu gebildeten Kreistag (41 Mitglieder) von Vohwinkel 5 bestimmt.

Es gab laut Wahlakt vom 24. Oktober 1919 5 unbesoldete Beigeordnete. In derselben Sitzung wurde der vorsorgende Beschluß gefaßt, bei den immer größer werdenden Lasten der Verwaltung einen besoldeten Beigeordneten einzustellen, deren erster der Gerichtsassessor Dr. Fütterer wurde (bis 31. Januar 1921).

Eine noch einschneidendere Aenderung trat ein, als am 30. Juni 1919 Bürgermeister Bammel nach fast 31 jähriger sehr erfolgreicher Wirksamkeit aus dem Amte schied (gest. 7. März 1929). Die schon am 30. April 1919 vor sich gegangene Bürgermeisterwahl war unter 109 Bewerbern auf den Beigeordneten der Stadt Remscheid, Dr. Landwehr, gefallen, der zum 1. Juli 1919 bestätigt und am 10. Juli eingeführt wurde und seither Vohwinkels Geschicke lenkt.

Die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Gemeinde, die zum Heeresdienst eingezogen waren, hatten ihre früheren Stellungen wiedereingenommen. Es ergab sich aber bei der Demobilmachung, daß mehrere Beamte und sehr viele Hilfskräfte eingestellt, ja ganze Verwaltungsabteilungen neu geschaffen werden mußten. Demnach nahm die Zahl der städtischen Beamten und Angestellten erheblich zu. Neben der Arbeitslast wuchs die Teuerung, sodaß eine neue Besoldung aufgestellt wurde. Die Besoldungs- und Lohnfragen bedurften auch weiterhin aufmerksamer Beachtung.

Die unübersichtliche Unterbringung verschiedener Dienstzweige in verschiedenen Gebäuden und die Neubildung und Umgruppierung mehrerer Verwaltungsabteilungen bedingten die Schaffung neuer Geschäftszimmer. Infolgedessen wurde der Um- und Erweiterungsbau des Rathauses beschlossen (30. Juli 1919) und durchgeführt.

Durch die Anlage eines neuen Treppenhauses und durch den Ausbau des zweiten Stockwerks zu Bürozwecken wurden entsprechende Räume erstellt. Ende 1919 waren 32 Geschäftszimmer im Rathaus vorhanden.

Gemäß den personellen und sachlichen Veränderungen mußte die zu leistende Arbeit in der Nachkriegszeit sein.

Alle öffentlichen Hilfsmaßnahmen fanden in dem Wohlfahrtsamt (seit 20. November 1919) ihre Zusammenfassung. Dessen Arbeitsgebiet gliederte sich in vier Hauptabteilungen: Fürsorge- und Jugendamt mit der Unterabteilung Armenpflege und der eigentlichen vorbeugenden Wohlfahrtspflege d. i. der Familien- und Wohnungspflege — Gesundheitsamt mit Säuglingspflege — Arbeitsamt mit Arbeitsnachweis und Berufsamt, Erwerbslosenfürsorge — Kriegsfürsorgeamt. Der Wohlfahrtsausschuß bildet gewissermaßen das Parlament für alle an der Wohlfahrtspflege innerhalb der Gemeinde beteiligten Bezirke, er stellt die Richtlinien für die Arbeit auf und beschließt über prinzipielle Fragen. Bei der Zentralstelle wird sorgsam eine Einheitskartei geführt, um gerade dadurch eine gerechte Verteilung der Wohltaten zu gewährleisten. Hier erhält jeder Einwohner Auskunft über die in seinem Falle zuständige Stelle, hierher werden alle Ermittelungen der dezentralisierten Organe des Wohlfahrtsamtes geleitet, und von hier wird Entscheidung über die im Einzelfalle zu bietende Hilfeleistung getroffen.

Es würde zu weit führen, die Arbeit und die Leistungen des Wohlfahrtsamtes in jenem schwierigen Zeitabschnitt, wo noch alles im Entstehen, im Ein- und Umordnen begriffen war, darzustellen. Die Verwaltungsberichte geben hierüber genaue Nachrichten. So viel aber werde hier gesagt.

Die vorbeugende Wohlfahrtspflege war neu, sie war teils Familienpflege zur Herabminderung der Lasten der Armenpflege, teils Wohnungspflege vornehmlich zur Bekämpfung der Tuberkulose. Besonders wirkten hierin zwei Kreisfürsorgerinnen und eine eben (26. Februar 1919) vertraglich angestellte Gemeindefürsorgerin, die zugleich als Krankenpflegerin für die erste Hilfe zur Verfügung stehen sollte.

Die Jugendpflege sollte in den Volkshochschulkursen Unterstützung finden durch geeignete Vorträge, Vorführungen, Ankauf eines Lichtbildapparates, später Kinos u. s. w., getrennt für männliche und für weibliche Jugend.
Erfreulich war, daß bei der Jugendfürsorge 1919/20 Anträge auf Unterbringung Minderjähriger in Fürsorgeerziehung nicht gestellt werden brauchten. Die Rückkehr des Vaters, die Rückgabe der Mutter von der Fabrik an das Heim, die Ordnung des Schulbetriebs, die Betreuung und Anleitung der arbeitenden Jugendlichen durch die erfahrenen und ernsten Meister hatten das erreicht.

Neu eingerichtet wurde auch die Kleinkinderpflege. Die Fürsorgerinnen besuchten die Kleinkinderschulen. Das dort untergebrachte Kindermaterial wurde ärztlich untersucht und überwacht.

Das Gesetz betr. die öffentliche Krüppelfürsorge vom 6. Mai 1920 brachte für die Schulkinderfürsorge erweiterte Arbeit.

Infolge Demobilmachung war schon im Dezember 1918 in hiesiger Gemeinde ein öffentlicher Arbeitsnachweis errichtet. (Vergl. Beschluß vom 21. Januar 1920)

Das Berufsamt und die Berufsberatung für die aus der Schule zu Entlassenden war ebenfalls eine Nachkriegseinrichtung, gleichwie die Erwerbslosenfürsorge für arbeitsfähige und arbeitswillige Personen, die aber infolge des Krieges erwerbslos geworden waren und sich in einer bedürftigen Lage befanden.

Das Kriegsfürsorgeamt hatte wohl die bedeutsamste Arbeit zu tun. Was zur Kriegszeit angefangen war (siehe vorher beim Abschnitt der „Weltkrieg“) mußte mit aller Sorgfalt fortgesetzt werden. Im Jahre 1920 ging das Reich dazu über, die Fürsorge laut Gesetz durch Rentenversorgung abzulösen. Versorgungsämter, Hauptunterstützungsämter u. s. w. mit den zugehörigen Ausschüssen und Spruchkammern wurden geschaffen und die Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen auf sie übergeleitet. Die ausgleichende Fürsorge für Kriegsopfer aber ist bei den Gemeinden geblieben, sie ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was 1918 auf ihren Schultern gelegen hat.

Mit der Beendigung der Kriegshandlungen wurde die Blockade noch nicht aufgehoben. Die schon während des Krieges eingerichteten Lebensmittelämter mußten weiterbestehen. Als die Blockade vorüber war, kam der allmähliche Abbau. Erst 1923 verschwand die letzte Brotkarte. Das Jahr 1919 aber bildete in der Geschichte der Lebensmittelämter einen schlimmen Höhepunkt. Es war kein Krieg mehr, und doch standen wir vor einer Ernährungskatastrophe. Die bange Frage tauchte auf: Kehrt die Steckrübe des Winters 1916/17 wieder? Der Zustand war durch die nahende Besetzung des Rheinlandes entstanden. Dadurch lebten alle bösen Geister der Menschenseele auf. Die Lebensmittel verschwanden im Nu. Eine erfreuliche Tatsache war, daß in Vohwinkel die schon 1918 errichtete Kreis Gemüse- und Obsthalle in der Nähe des Ledigenheims am Hauptbahnhof ihre Tätigkeit fortsetzte. Weiter half der hiesige Kreisausschuß, indem er für die Gemeinden vom Ausland her Lebensmittel einführte. Aber dem immer mehr ,,aufblühenden“ Schleichhandel, z. B. mit Fleischwaren u. a. konnte kaum gewehrt werden.

(Gen.-Anz. 1919, Nr. 280.) Vohwinkel, 19. Juni 1919. Für etwa 100000 Mk. aus dem Solinger Gebiet nach Vohwinkel geschmuggelte Waren sind von der hiesigen Polizei beschlagnahmt und bereits am 16. Juni an die Düsseldorfer Reichsstelle für pflanzliche und tierische Fette abgeliefert und zwar 1459 kg Seife, 393 Büchsen Oel.

Die Waren lagerten bei einem Vohwinkeler Kolonialwarenhändler, der sie an die von auswärts kommenden Geschäftsleute verabfolgte.

(Gen.-Anz. 1919, Nr. 282.) Vohwinkel, 19. Juni 1919. Es wird darauf hingewiesen, daß in Vohwinkel Gauner ihr Unwesen treiben, sich als Kriminalbeamte ausgeben und Schleichhandelswaren, besonders Zigaretten „beschlagnahmen“. Die Opfer werden auf der Straße angehalten und nach dem Inhalt ihres Gepäcks befragt, worauf die ,,Beschlagnahme“ erfolgt. Wir warnen u. s. f.

Daneben das Schieberwesen. Es wurde mit Mehl und mit Zucker und sonstigem Allerlei geschoben.

Gen.-Anz. 1919, Nr. 106.) Vohwinkel, 4. März 1919. Die Fuhrleute ... , der Rangierer .. , der Eisenbahnschlosser .. aus Elberfeld bezw. aus Barmen und Vohwinkel stahlen ein wertvolles Pferd aus dem Stall eines Händlers im Neandertal mit zwei vollständigen Geschirren. In Vohwinkel kaufte es ein Pferdemetzger, natürlich unter Preis, denn er wußte, daß es „hintenherum“ erlangt war. Auf dem Wege zur Schlachtbank fand sich ein anderer Liebhaber, der das Tier mit gutem Verdienst für den Pferdemetzger erwarb u. s. w., u. s. w. Inzwischen konnte das Pferd in Husum in Schleswig aufgefunden werden.

Schließlich machte sich auch in Vohwinkel das Wucherwesen sehr bemerkbar. Es zu bekämpfen, war eine schwere Aufgabe der Polizei. Durch Beschluß vom 24. Oktober 1919 wurde hier das Wucheramt eingerichtet zur Kontrolle der Preise in den Geschäften. Das Amt setzte sich aus vier Mitgliedern zusammen. Vertreten waren außer dem Vorsitzenden Steuer, Handel und Konsumenten. Ein Kontrolleur war der Wucherstelle beigegeben.

Sondermaßnahmen wurden unter dem 10. Juli 1919 noch gegen die Felddiebstähle beschlossen.

Eine andere von Jahr zu Jahr wachsende Not wurde durch das Lahmliegen der Bautätigkeit heraufgeführt, die Wohnungsnot. Fünf Jahre lang hatte der Wohnungsbau stillgelegen. Als die äußeren Hemmnisse wegfielen, fehlte den privaten Baulustigen das erforderliche Kapital. Die Scharen der kriegsgetrauten Heimkehrer wollten und sollten untergebracht werden. Es gelang nicht. Da griffen zunächst die Gemeinden helfend ein, sie bauten selbst. Auch Vohwinkel baute an der oberen Friedrichstraße, an der Hochstraße und sonst. Hierbei kam der Gemeinde eine Kriegsstiftung zugute (20. Februar 1918). Die Eheleute Ernst Niepmann und Maria geb. Binterim in Elberfeld hatten ihr Grundstück an der Hochstraße mit aufstehenden Gebäuden der Gemeinde Vohwinkel geschenkt. Dort und auf der anstoßenden Flur sollten Kriegerheimstätten errichtet werden. Zu dem Zweck erwarb die Gemeinde gleichzeitig das auf dem Graben'sche Besitztum, wozu eine hiesige Großfirma eine erhebliche Summe beisteuerte.

Es ist auch noch dies zu beachten. Unter dem 14. März 1917 hatte die Gemeinde das Vermögen des Gemeinnützigen Bauvereins mit allen Aktiven und Passiven übernommen. Außerdem war sie schon am 25. September 1918 dem Rheinischen Wohnungsfürsorge-Ausschuß mit einem Anteil von 3000 Mk. beigetreten.

So befand sich Vohwinkel in gesunder Entwicklung. Nichtsdestoweniger war der Wohnungsbedarf nicht zu decken. Deshalb wurde ein Wohnungsnachweis dem schon bestehenden Arbeitsamt angegliedert, der den Wohnungssuchenden zunächst freiwerdende Wohnungen angeben sollte. Auch diese Einrichtung war bald unzureichend. Es wurde nun ein selbstständiges Wohnungsamt zusammen mit einem Mieteinigungsamt durch Beschluß vom 27. August 1919 errichtet. Auf Grund besonderer, durch den Staatskommissar für das Wohnungswesen erteilten Ermächtigungen wurden von der Gemeinde Anordnungen über Mieterschutz und Wohnungsmangel erlassen, durch die das bisherige freie Verfügungsrecht des Hauseigentümers bedeutend eingeschränkt und dem Wohnungsamt Verfügungsrecht über gewisse Räume und Wohnungen zugestanden (Rationierung) und Gelegenheit gegeben wurde, die Mietpreise neu abgeschlossener Mietverträge entsprechend zu regulieren. — Diese Arbeit schwoll und schwoll mit den Jahren, anstatt abzunehmen. Die Wohnungsnot wurde beängstigend groß. Darum suchte noch in anderer Weise die Gemeinde der Wohnungsnot zu begegnen. Zur Herrichtung selbständiger Wohnungen in freiwillig abgetretenen Räumen wurden von ihr bauliche Ergänzungen, wie Spülstein-, Wasserleitungs-, Abortanlagen hergestellt. Verschiedenen Hauseigentümern, die ihrerseits solche Arbeiten ausführen ließen, stellte sie geringe Geldmittel zur Verfügung. — Durch Beschluß vom 10. März 1920 unterstützte sie die aufgenommene Bautätigkeit des Eisenbahnbauvereins und des Kriegerheimstättenbundes. — Unter dem 13. September 1920 führte sie die Wohnungsluxussteuer ein.

Die Folge aller der bisher geschilderten Uebelstände war u. a. auch die Schwächung der Gesundheit unserer Jugend. Eine Unterernährung sondergleichen trat ein. Auch die hiesige Schuljugend wurde zur Stärkung und Kräftigung in Massen aufs Land gesandt. Namentlich Pommern war damals das gelobte Land, im Westen die Eifel. Daneben wurden Schulspeisungen eingeführt. Begründer dieser Art Jugendhilfe waren die Quäker seit 1. Juli 1920. Später setzten die Gemeinden die Speisungen auf eigene Kosten fort. Anstelle der Aussendungen traten Überweisungen in Kinderheime an der See und in sonst gesunder Lage. Skrophulöse Kinder kamen in Solbäder. Die Gewichtszunahme war der klare Beweis der erlangten Kräftigung. — An dieser Stelle muß auf Haus Linde zurückverwiesen werden, ebenso auf die Säuglings- und Kinderpflege.

Viel schwerer als die Schädigung der Gesundheit war die Gefährdung der sittlichen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Die Jugend der Nachkriegszeit war ohne anspornende Vorbilder und hinreißende Führer gewesen, das folgerichtige Ergebnis des Versagens der Erwachsenen.

Erst nachdem die Großen sich selbst in Zucht genommen hatten, konnten ihre Taten und sie wieder würdige Vorbilder der Jugend werden, konnten sie mit freundschaftlichem Verstehen der Jugend an die Seile treten, die sich von ihnen führen lassen würde. Vorerst scheiterten diese Bemühungen um die Jugend noch immer, denn die Jugend war noch im Gären begriffen, was sich zeigte in dem Gefühl ihres bedeutungslosen Sichfühlens, ihres Strebens nach Freiheit und Selbständigkeit, der Ungewißheit ihres Weges und Zieles, aber auch in Abarten ihres Wollens und Tuns. Ihre Triebe wollten sie ausleben, ungehemmt sollte ihr Treiben sein.

In jener Nachkriegszeit hatte z. B. die jugendliche Vergnügungssucht, überhaupt die Vergnügungssucht, so überhand genommen, daß öffentliche Kundgebungen wie die der vereinigten evangelischen und katholischen Gemeinden des Wuppertales sich dagegen wandten (Gen.-Anz. vom 21. März 1919). — Unter einem anderen Gesichtspunkt schritt die Gemeinde Vohwinkel ein. Im Hinblick auf die gebotene Ersparnis an Brennstoffen für Heiz- und Beleuchtungszwecke wurden Tanzvergnügungen nur zweimal monatlich gestattet.

Positive Versuche zur Besserung der Jugend gingen vom Spiel und Sport und vom Wandern aus. Vohwinkel befaßte sich u. a. schon im Frühjahr 1919 mit dem Antrag des Fußballklubs Alemannia, ihm einen Sport- und Spielplatz zur Benutzung zu stellen, dazu auch eine Turnhalle, und später mit der Pachtung eines Spielplatzes an der Bahnstraße in der Nähe der Buntenbeck. — Positiv arbeitete wiederum die Jugendpflege, vornehmlich durch die Vereine, an der körperlichen und sittlichen Ertüchtigung der Jugend. Ihr Ortsausschuß umfaßte am Ende dieses Zeitabschnittes bereits 17 Jugendvereinigungen mit 1318 Mitgliedern.

Ein Mittel für die Heilung der Schäden der Kriegsund Nachkriegszeit bildete die Arbeit. Nach Beendigung des Kriegszustandes hatten sich Handel und Industrie alsbald den veränderten Verhältnissen wieder anzupassen versucht, für sich und für die Arbeitnehmer Arbeit und Verdienstmöglichkeit zu schaffen. Bis zur Umstellung auf die Friedenstätigkeit wurden die Arbeiter entlassen. Sie waren in dieser Zeit der Teuerung ohne Einkommen. Zu ihnen gesellten sich die Millionen heimkehrender Krieger, die auch Arbeit verlangten und Verdienst suchten. Es galt, sie alle vor der blanken Not zu bewahren und vor Verzweiflungsalten. Damals kämpften ja noch monatelang die demokratische und die bolschewistische Richtung um die Herrschaft im Reich. Da verfügten die Volksbeauftragten die Einrichtung der Erwerbslosenfürsorge und der Arbeitsvermittlung, über deren Leistungen für Vohwinkel oben berichtet ist. Die Gemeinden brachten Notstandsarbeiten auf (siehe oben). Und langsam nahm die Industrie die Arbeiter wieder auf. In Vohwinkels Gebiet gab es Ende 1919 27 größere und 8 kleinere tätige Fabriken, außerdem 58 kleine Gewerbebetriebe.

Der veränderten Zeit paßte sich die Sparkasse an. Bereits am 30. Januar 1917 hatte die Verwaltung die Einführung des Scheck- und Ueberweisungsverkehrs beschlossen gehabt. Wegen des durch den Krieg bedingten Personalmangels war die Einführung erst zum 1. Oktober 1918 möglich geworden. Die rege Inanspruchnahme durch die einheimischen Geschäftsleute bewies, daß diese Maßnahme einem dringenden Bedürfnis entsprach. Der Sparverkehr ging Ende Oktober aus wirtschaftlichen Gründen zurück. Die Hypothekenschuldner zahlten wieder regelmäßig und ganz ihre Zinsen. Durch das Kapitalfluchtgesetz wurden die Sparkassen allgemein als Hinterlegungsstellen für sämtliche Wertpapiere zugelassen. Am Schluß 1919 verwahrte die Vohwinkeler Sparkasse für 1670 Kunden Wertpapiere im Betrage von 6 1/3 Millionen Mk. So konnte die Sparkasse die Nachkriegszeit abschließen mit einem stattlichen Reingewinn.

Die ständig gewachsenen Aufgaben der Polizei und eine straffere Zusammenfassung aller Zweige der Polizeiverwaltung hatten im Oktober 1919 eine Neueinteilung der Polizeiverwaltung herbeigeführt, auch des Meldeamts und des Polizei-Kommissariats. Einige Sicherheitswehrleute wurden übernommen, die sich aus der Revolutionszeit herübergerettet hatten. Infolge des Achtstundentags wurde ein neuer Dienstplan für die Polizeibeamten aufgestellt, der es erforderlich machte, daß mehr aktive Polizeikräfte eintraten. Dasselbe bewirkte die Auflösung der Sicherheitswehr. Die fortgesetzte Zunahme von Eigentumsvergehen verlangte die Schaffung einer Kriminalabteilung und den Ausbau von zwei weiteren Gefängniszellen. Es gab 14 angestellte und 5 Hilfs-Polizeibeamte. Ferner waren noch 1 Gendarmerie-Oberwachtmeister, 2 berittene und 1 Fuß-Gendarmerie-Wachtmeister stationiert. — Dieser Zustand der Polizei sollte bald und völlig umgeändert werden.


Geschichte der
Stadt Vohwinkel


Zum Geleit
Inhalt
Vorwort
Geologisches

1. Aus alten Zeiten
2. Das Gut Vohwinkel
3. Um 1800
4. Eisenbahn
5. Post
6. Sitz der Staatsbehörden
7. Bildungsanstalten.
     Volksschulen
     Höhere Schulen
     Anhang
8. Kirchliche Gemeinden
     evangelische Kirchengemeinde
     katholische Kirchengemeinde
     übrige kirchliche Gemeinden
9. Landbürgermeisterei
10. Presse
11. Verkehr
12. Kommunaler Aufstieg
13. Der I. Weltkrieg
     Der Weltkrieg
     Zeit des Umsturzes
     Nachkriegszeit
     Der Rote Putsch
14. Stadtgemeinde
     Sondernöte
     Sonderaufgaben

Vereinigung mit Elberfeld

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