Aus der Zeit des Umsturzes.

General-Anzeiger für Elberfeld-Barmen und Umgegend 1918. Nr. 530: Vohwinkel, 11. November 1918. Gestern fand auch hier der Uebergang zur neuen Volksregierung statt. Um 1 Uhr erschien als Vertreter des Arbeiter- und Soldatenrates Elberfeld-Barmen Richard Wodt. Er wurde auf dem Bahnhof empfangen, und in geschlossenem Zuge inmitten des provisorisch gewählten A. u. S.-R. für Vohwinkel begab man sich unter Teilnahme des bereits übergetretenen Militärs nach dem Marktplatz. In einer kurzen Ansprache an die Bevölkerung schilderte der Redner die politische Entwicklung der Dinge und forderte die Versammlung auf, nach dem Rathaus und nach dem Landratsgebäude zu ziehen. Auf dem Turm des Rathauses und auf dem Regierungsgebäude des Landrats wurde die rote Fahne aufgesteckt. Ein Vertreter des A. u. S.-R. für Vohwinkel brachte an beiden Plätzen ein Hoch auf die freie Republik aus und teilte mit, daß der Bürgermeister und der Landrat von Vohwinkel die Bedingungen des A. u. S.-R. bekanntgeben werden, und daß die Anordnungen des A. u. S.-R. an die Bevölkerung in den nächsten Tagen herauskommen werden. Nach einer kurzen Besprechung des A. u. S.-R. in dem dortigen Rathauszimmer wurde der Landrat von Vohwinkel zu einer Rücksprache eingeladen, und beide Vertreter der Behörden erschienen auch sofort und gaben die Erklärung ab, daß sie sich mit ihren Behörden in den Dienst der neuen Bewegung stellen. —

Ein Marinesoldat verteilte an der Schwebebahnhaltestelle Hammerstein ein Flugblatt dieses Inhalts (vgl. Gen.-Anz. 1918, Nr. 528): „Arbeiter! Soldaten! Bürger! Die Volksbewegung für Frieden, Freiheit und Brot schlägt im ganzen Lande ihre hohen Wogen. Wie überall haben sich auch hier Arbeiten und Soldaten-Räte zusammengetan und die Unterzeichneten mit der Vertretung ihrer Interessen gegenüber der Gesamtbürgerschaft und allen Behörden beauftragt. Wir richten an die gesamte Bevölkerung die Aufforderung, den weiteren Fortgang der Volksbewegung durch ruhiges und besonnenes Verhalten zu unterstützen u. s. w.“

(Gen.-Anz. 1918, Nr. 540.) Vohwinkel, 16. Novbr. 1918. Der A. u. S.-R. für Vohwinkel hat sich endgültig konstituiert und folgende Ausschüsse gebildet:

Kommission für militärische Angelegenheiten, für Sicherheit und Verkehr, für Lebensmittel und Kohlen, für Uebergangswirtschaft und Arbeitsangelegenheit, für Sanitäts- und Wohlfahrtsausschuß und für Frauenhilfe. — Genosse Benninghoven ist beauftragt, die Verbindung zwischen A. u. S.-R. und Bürgermeister und Gemeinde herzustellen, und verpflichtet, über wichtige Dinge laufend Bericht zu erstatten. — Der Ausschank, der Verkauf und die Lieferung aller Spirituosen außer Bier und Vino Wermuth ist allen Geschäften, auch Weinhandlungen verboten. Ausgenommen sind nur ärztliche Verordnungen. — Verbrechen gegen Eigentum und Leben wird mit Schärfe unterdrückt. Bereitschaftswachen sind in Vorbereitung. — Anweisungen für Geschäfte und Betriebe können nur vom gesamten Rat beschlossen werden und müssen vom Vorsitzenden unterzeichnet sein. Die einzelnen Mitglieder des A. u. S.-R. weisen sich durch rote Karten mit Namen und Stempel aus. — Jeder Eingriff in das Getriebe der Eisenbahn und der Verpflegungsanstalten für die heimkehrenden Krieger ist ein schweres Verbrechen. Der Rücktransport der Verwundeten und Soldaten darf nicht in Gefahr geraten. — Der A. u. S.-R. für Vohwinkel setzt sich aus folgenden 18 Personen zusammen: A-R.: Benninghoven, Dreibholz, Fuchs, Jost, Dittgen, Knevel, Pfeffer, Wittich, Storsberg. S.-R.: Kroll. Kramer, Mielke, Schmitz, Schlebusch, Schöttler, Werner, Schaaf, Wirtz.

U. a. wurde vom A. u. S. R. noch angeordnet, daß ein von ihm gezeichneter Paß zum Passieren der Straße nach 9 Uhr abends beschafft werden mußte. Das Büro befand sich damals in der Gastwirtschaft von Michael Mucha, Gustavstraße 7. Eine weitere Anordnung betraf die Abgabe der noch vorhandenen Waffen, die befolgt wurde und auch nicht befolgt worden ist.

Bald wurde der A. u. S.-R. vor eine schwere Sonderaufgabe gestellt. Es setzte allmählich der Durchzug der heimkehrenden Truppen ein. Vorbereitungen waren zu treffen. Eine Bekanntmachung (Gen.-Anz. 1918, Nr. 541) besagte: ,,In der nächsten Zeit steht der Durchzug größerer Truppenmassen bevor. Sie sollen, um die Uebersicht nicht zu verlieren, bis auf weiteres in öffentlichen Gebäuden untergebracht und verpflegt werden.“ Säle und Schulen wurden beschlagnahmt und hergerichtet. Zu Ehren der Truppen wehten die Fahnen. Doch war am Anfang auch ein Maschinengewehr am Deutschen Kaiser im Auftrage der damaligen Gewalthaber aufgefahren. Die Verpflegung geschah durch die mitgeführten Feldküchen und teilweise noch durch die örtliche Kriegsküche. Das Lazarett im alten Bahnhofsgebäude trat wieder in Tätigkeit.

Am 20. November 1918 begann von Köln her der eigentliche Durchzug der Truppenmassen, voran die Etappenformationen, dann die Kampftruppe, beide in bester Ordnung und Manneszucht. Es war das VI. Armeekorps. In langen, langen Zügen kamen die Artillerie und Munitionskolonnen und Bagageautos durch, denen mit klingendem Spiel Infanterie folgte. Alle wurden von der Bevölkerung freudig und herzlich begrüßt.

Durchweg machten die Truppen einen guten Eindruck, und dementsprechend war auch ihre Stimmung.

Das Demobilmachungsamt gab folgendes bekannt im Einvernehmen mit dem A. u. S. R. gleich unter dem 20. November 1918: „Wer Heeresgut, insbesondere Kraftwagen und Pferde, von andern Personen als den befugten militärischen Stellen erwirbt, erlangt an diesen Gegenständen kein Eigentumsrecht u. f. w.“ — In Vohwinkel war trotzdem eine flotte Verkaufs- bezw. Tauschstelle nicht nur von Kraftwagen und Pferden eingerichtet auf dem freien Felde, das sich um die Herderstraße herumlegt, sondern auch von allem andern Heeresgut.

An sich waren die Fronttruppen gegen den Terror (z. B. Achselklappen herunterreißen, Entwaffnung u. a.) und die Diktatur, sie standen geschlossen auf dem Boden des Regierungsprogramms des Reichskanzlers Ebert und forderten die sofortige Einberufung der Nationalversammlung. Zusammenstöße mit dem A. u. S. R. konnten deshalb nicht ausbleiben, auch nicht in Vohwinkel. — (Gen.-Anz. 1918, Nr. 555) Vohwinkel, 27. November 1918. Das hier einquartierte Feldartiilerie-Regiment Nr. 4 hat die rote Fahne vom Rathaus heruntergeholt und den A. u. S. R. verhaftet, vgl. Haan, Langenberg 29. XI. 18. — (Gen.-Anz. 1918 Nr. 556). Vohwinkel, 27. November 1918. Weiter wird über den Vorfall berichtet, daß noch am gestrigen Abend Soldaten des Elberfelder A u. S. R. mit einem Matrosen an der Spitze nach Vohwinkel in einem Extrazug der Schwebebahn gefahren sind und den Vohwinkeler A. u. S. R. befreit haben.

Derselbe Bericht fährt bann fort: Heute wurden Bürgermeister Bammel, Beigeordneter Muthmann und Fabrikant Homann durch den A. u. S. R. Vohwinkels verhaftet. Die Maßnahme hängt mit der Entfernung eines Transparentes am Kaiserplatz zusammen, das eine Inschrift trug: „Willkommen ihr tapferen Krieger der Reaktion, in der Heimat grüßt euch die Revolution“. Die genannten Personen der Verwaltung, die die Entfernung des Schildes veranlaßt bezw. unterstützt haben sollten, würden in ihren Wohnungen interniert, vor die ein Posten gestellt würde. Schließlich wird noch gemeldet, daß Bürgermeister Bammel vom A. u. S. R. seiner Amtsgeschäfte enthoben und Gemeindesekretär Müller zum stellvertretenden Bürgermeister bestimmt worden ist. Das Rathaus würde besetzt und abgesperrt. — Die Folge war der passive Widerstand sämtlicher Beamten. Nicht lange, und der Bürgermeister kehrte in sein Amt zurück mit den anderen Herren.

(Gen.-Anz. 1918, Nr. 586). Vohwinkel, 13. Dezember 1918. Im Gemeinderat erhob Sanitätsrat Dr. Schirp Protest gegen die seitens des A. u. S. R. widerrechtlich und grundlos vorgenommene Verhaftung des Bürgermeisters und der beiden Gemeinderatsmitglieder. Dieser rücksichtslose Eingriff in die persönliche Freiheit der genannten Vohwinkeler Bürger hätte in allen Kreisen der Bevölkerung einen wahren Sturm der Entrüstung wachgerufen.

Inzwischen rückten die Feindtruppen in deutsches Land ein. Aachen wurde am 29. November 1918 von den Franzosen besetzt, Trier am 1. Dezember von den Amerikanern, Jülich am 2. Dezember von den Belgiern und Haan Rhld., unsere Nachbarstadt im Süden, am 13. Dezember von den Engländern. Es entstand die sogenannte „neutrale Zone“. Vohwinkel wurde in sie fast ganz einbezogen, etwa am 4. Dezember. Die letzten Feldgrauen hatten schon am 1. Dezember fortziehen müssen, ostwärts, in das freie deutsche Land, denn die neutrale Zone mußte am Tage darauf leer sein von deutschen Truppen.

Eine letzte Erinnerung an den Abmarsch der Truppen wurde unserm Ort zuteil, als am 7. Dezember der Saal des Wuppertaler Hofes an der Schwebebahn-Haltestelle Hammerstein (Besitzer Becker) vollständig niederbrannte. Dort war auch ein Lager für die Einquartierung gewesen. (Gen.-Anz. 1918, Nr. 574.)

Eine weitere Folge der neutralen Zone war die Auflösung der A. u. S. R., die die Feindmächte nicht dulden wollten. Dafür trat die Bürger- oder Sicherheitswehr ein. Gemeinderatsbeschluß vom 13. Dezember: Außer der Tagesordnung wurde beschlossen a) die Errichtung einer einstweilen 30 Mann starken Bürgerwehr gemäß der Anordnung des Demobilmachungsausschusses vom 5. ds. Mts. und die hierdurch erwachsene Geldausgabe u. s. w. Es wurde in Aussicht genommen, auch einen Bürgerrat zu bilden für den Fall der Besetzung der neutralen Zone und des Wuppertales, um das Bürgertum gegen die Besatzungstruppen zu vertreten, der sich in verschiedene Unterausschüsse gliedern sollte. Doch es kam vorerst nicht dazu. —

Um den Abschnitt über die A. u. S. R. weiterzuführen, mußte hier auf die Auswüchse dieser geschichtlichen Erscheinung der Nachkriegszeit auch in Vohwinkel hingewiesen werden, wie sie z. B. der Gen.-Anz. 1918, Nr. 580 und 591 unter der Ueberschrift „Soldatenräte als Eisenbahnräuber“ darstellt. Es genügt aber, dies erwähnt zu haben. Das Kapitel A. u. S. R. in Vohwinkel werde daher mit folgendem Bericht aus der Gemeinderatssitzung vom 13. Dezember 1918 abgeschlossen. Bevor in die Beratung zu Punkt 3 (Sonderhaushaltsplan für 1919) eingetreten wurde, faßte man auf Anregung des Direktors Hildebrand einstimmig diesen Beschluß: Gemeinderat bedauert, daß aus der Gemeindekasse für den A. u. S. R. in den ersten vier Wochen seines Bestehens größere Beträge gezahlt worden sind, ohne daß bisher eine Abrechnung gegeben wurde. Gemäß Erlaß des Generalkommandos und des General-S. R. steht den A. u. S. R. ein Verfügungsrecht über die Kassen der Gemeinden nicht zu. Gemeinderat steht auf dem Standpunkt, daß über die Bewilligung außeretatsmäßiger Ausgaben nach wie vor die Finanzkommission und der Gemeinderat zu entscheiden haben. — Und der Beschluß vom 21. Mai 1919 lautete, daß 4 stellenlose A. R.-Mitglieder in bereits bestehenden Stellen untergebracht werden sollten.

Inzwischen ging die Weltgeschichte weiter. Die Besetzung der neutralen Zone u. s. w. erfolgte zwar nicht, aber unerwartet und unangekündigt sperrten die Engländer das besetzte Gebiet am 4. Januar 1919 ab an der Kohlfurt, auf der Kluse, bei Krieckhaus-Oberhaan. Nicht genug damit. Sie forderten weiter, daß jeder, der die Posten passieren wollte, sich durch einen von der Ortspolizeibehörde ausgestellten Personalausweis und durch einen von der englischen Militärbehörde ausgefertigten Verkehrsschein ausweise. (Gen.-Anz. 1919, Nr. 6.) — Von den nun beginnenden Unannehmlichkeiten, Beschwernissen, Gefahren zwei Beispiele:

(Gen.-Anz. 1919, Nr. 128.) Vohwinkel, 17. März 1919.
In der vergangenen Nacht zwischen 11 und 11 1/2 zogen zwei englische Soldaten in angetrunkenem Zustand lärmend durch die Königstraße. Sie wurden von den Mannschaften der Bürgerwehr angehalten und zur Ordnung gerufen. Anstatt sich zu fügen, wurden sie noch frecher. Einer von ihnen zog das Seitengewehr und ließ sich zu Tätlichkeiten hinreißen. Darauf schoß ein Mann der Sicherheitswehr ihn ins Gesäß und tötete ihn dadurch.

(Gen.-Anz. 1919, Nr. 190/225.) Vohwinkel, 3. Mai 1919.
Am 2. Februar ds. Js. wurde die auf dem Halbenberg wohnende Arbeiterin Frieda H. .. aus Vohwinkel, als sie mit ihrer Freundin einen Spaziergang auf dem Wege zur Roßkamperhöhe unternahm, von dem englischen Posten an der Kluse erschossen. Angeblich irrtümlich, infolge eines Schreckschusses, dessen abprallende Kugel leider traf. Die H. .. hätte beabsichtigt, Schmuggelversuche mit Lebensmitteln zu unternehmen.


Die Gefahr des Einmarsches der Feindtruppen in freies deutsches Gebiet war Juni 1919 am höchsten. Haan zählte da 7500 Engländer und glich einem Kriegsheerlager. Die Unterzeichnung des „Friedensvertrages“ am 19. Juni 1919 verhinderte es. Danach ging die Besatzung erheblich zurück. Ende 1919 wurden die englischen Truppen aus Haan ganz zurückgezogen. Sie endete erst am 31. Januar 1926, als die Feinde die Kölner Zone räumten.

Beschluß des Gemeinderats Vohwinkel vom 30. Juli 1919, die Sicherheitswehr nach und nach ohne Härte zu vermindern und die reguläre Polizeibeamtenschaft auf 6 zu vermehren.

Schon Anfang Januar 1919 war in der Reichshauptstadt eine andere Gefahr entstanden, Spartakus. Während ringsum in den Großstädten der Kampf tobte, sogar bis in das besetzte Gebiet (Düsseldorf) hinein, verlief die Sache in Vohwinkel ruhiger.

Die dritte große Gefahr kam aus dem Rheinland, die Lostrennungsbewegung. (Gen.-Anz. 1919, Nr. 252). Vohwinkel, 2. Juni 1919. „Der Kreistag von Mettmann verurteilt einmütig aufs schärfste die vaterlandsfeindlichen Bestrebungen mancher Kreise, besonders der Herren Knikhoff, Kastert, Froberger, die auf die Lostrennung der Rheinprovinz vom Reiche hinzielen.“

Es bleibt nun noch übrig die deutschen Wahlen aus dieser Zeit zu behandeln, soweit sie Vohwinkel angehen. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung am Sonntag, den 19. Januar 1919 wurden laut Gen.-Anz. 1919, Nr. 33, hier abgegeben für die Liste Agnes (U.S.P.) 905 Stimmen, für Erkelenz (Dem. P.) 607, für Giesberts (Zentr.) 1431, für Koch (D.V.P. u. D. Nat. P.) 2319, für Obermeier (Soz.) 2662. — Die Wahlen für die Preußische Landesversammlung am 26. Januar 1919 (Gen.-Anz. 1919, Nr. 44) brachten hier für die Liste Obuch (U.S.P.) 746 Stimmen, für Schloßmann (Dem.) 545, für Kloft (Zentr.) 1367, für Linz (D.V.P. u. D. Nat. P.) 2000, für Limbertz (Soz.) 2500.


Geschichte der
Stadt Vohwinkel


Zum Geleit
Inhalt
Vorwort
Geologisches

1. Aus alten Zeiten
2. Das Gut Vohwinkel
3. Um 1800
4. Eisenbahn
5. Post
6. Sitz der Staatsbehörden
7. Bildungsanstalten.
     Volksschulen
     Höhere Schulen
     Anhang
8. Kirchliche Gemeinden
     evangelische Kirchengemeinde
     katholische Kirchengemeinde
     übrige kirchliche Gemeinden
9. Landbürgermeisterei
10. Presse
11. Verkehr
12. Kommunaler Aufstieg
13. Der I. Weltkrieg
     Der Weltkrieg
     Zeit des Umsturzes
     Nachkriegszeit
     Der Rote Putsch
14. Stadtgemeinde
     Sondernöte
     Sonderaufgaben

Vereinigung mit Elberfeld

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